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Warum ein Copyright auf Cocktails sinnlos ist

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Die meisten von euch haben sicherlich schon davon gehört, dass an der diesjährigen “Tales of the cocktails” die Idee von urheberrechtlich geschützten Cocktails diskutiert wurde. Einer der glühendsten Verfechter dieser Idee war Eben Freeman, Pionier des sogenannten Fat-Washing sowie Bartender im Tailor’s in Manhatten.

Anscheinend ist Eben Freeman frustriert, dass andere Bartender und Bars seine Techniken und Rezepte benutzen und ihm dabei selbst nicht als Urheber nennen. Seinen zweiten Punkt verstehe ich voll und ganz, während ich beim Ersten eine ganz andere Meinung vertrete. Natürlich, mögt ihr jetzt sagen, swisscocktailblog muss ja auch nicht davon leben. Lasst mich deshalb erklären, warum es sowohl für Konsumenten als auch für die Wirtschaft absolut keinen Sinn macht ein Copyright für Cocktails bzw. Rezepte einzuführen.

Bildquelle: ReeseCLoyd (flickr)

Rechtliches

Kommen wir zuerst zum rechtlichen. Rezepte können nicht urheberrechtlich geschützt werden. Auch nicht in den USA. Was natürlich nicht heisst, dass Rezeptebücher nicht geschützt sind, wobei hierbei das Buch, die Bilder, kurz das Gesamtwerk geschützt ist. Das Rezept, als simple Auflistung aller Zutaten ist dabei weiterhin nicht geschützt. (Was allerdings nicht heisst, dass ich Seiten aus dem Buch kopieren und verbreiten darf)

“Auch Rezepte, wie z.B. Kochrezepte, sind grundsätzlich nicht urheberrechtsschutzfähig, da sie vorwiegend Handlungsanweisungen tatsächlicher Art enthalten. Etwas anderes gilt jedoch für Kochbücher, da hier ein wesentlich weiterer Gestaltungsspielraum, schon im Hinblick auf die Auswahl, Anordnung und Präsentation der verschiedenen Rezepte vorliegt.

Quelle: http://www.kochmeister.com/rezept_eintragen/urheberrecht.php

Weiteres kritisiert Freeman, dass sein Prozess des Fat-Washings nicht geschützt ist. Wie an anderer Stelle1 bereits angemerkt, hätte er dafür ein Patent beantragen können, was er aber anscheinend nicht getan hat.

Aber Dark n’ Stormy ist doch zum Beispiel geschützt!
Richtig, aber nicht das Rezept an sich, sondern der Name Dark n’ Stormy in Verbindung mit einem Cocktail. Dieser ist allerdings nicht urheberrechtlich, sondern markenrechtlich geschützt. Ich darf jederzeit einen Cocktail anbieten, der z.b. Bright & Sunny heisst und dasselbe Rezept wie der Dark n’ Stormy verwendet. Umgekehrt darf ich aber nicht einen Drink Dark n’ Stormy nennen, wenn er keinen Goslings Black Seal verwendet oder es sich um einen gänzlich anderen Cocktail handelt.

unsinnig

Eben Freemans grösstes Problem scheint zu sein, dass andere Leute einerseits seine Rezepte verwenden ohne ihn als Ureber zu nennen oder, was doch sehr dreist wäre, gleich sich selbst als Urheber bezeichnen. Diese beiden Probleme lassen sich aber weder mit dem Patent- noch mit dem Urheberrecht lösen. Vielmehr lassen hier gewisse Leute fundamentalen Anstand vermissen, indem sie getane Arbeit nicht mit einer Namensnennung honorieren. In meinen Augen absolut inakzeptabel. Ich bin der Meinung, wenn man einen Cocktail anbietet, welcher in einer anderen Bar oder auch von einem Connoisseur entwickelt wurde, soll auch der Urheber entsprechend gewürdigt werden. Wie gesagt, über Gesetze lässt sich fehlender Anstand allerdings nicht beheben.

Nehmen wir aber mal kurz an, dass sich Rezepte patentieren liessen. Nehmen wir weiters mal an, dass hierbei ähnliche Regeln wie bei der Musik gelten. Hierbei ergeben sich mehrere Probleme.

Sollte der Schutz von Rezepten gesetzlich verankert sein, müsste eine Instanz geschaffen werden, welche die Gesetze bzw. die Ansprüche von Rechteinhaber durchsetzt und regelt. Doch was sind die Ansprüche?

Geht es bei den Ansprüchen nur um Namensnennung, wie oben diskutiert?
Falls ja, wären solche Gesetze absolut unnötig, eine Verschwendung von Steuergeldern und ein unsinniger Moloch. Darum gehen wir jetzt mal davon aus, das der Sinn eines Urheberrechts auf Rezepte monetärer Natur ist. Ein Bartender entwickelt als einen neuen Drink, nennen wir ihn mal Gin Basil Smash. Fortan steht dieser Cocktail unter Schutz und darf nicht einfach so auf einer Barkarte verwendet werden. Stattdessen werden Lizenzgebühren fällig. Vielleicht einmalig, vielleicht jährlich.
Wer treibt diese Lizenzgebühren ein?
Der einzelne Barkeeper?
Wohl kaum, ich hoffe dieser hat Besseres zu tun, als durch die Welt zu reisen, um Bars zu kontrollieren.

Nein, eine Institution müsste her. Wir müssten also ein Monstrum à la RIAA/GEMA/SUISA erschaffen bzw. diese bereits existierenden Monstren verwenden. Diese Firmen müssen natürlich auch leben und zwacken noch etwas zusätzliches Geld von den Beteiligten ab. Wer also den Gin Basil Smash anbieten will, muss zahlen. Für eine etablierte Bar mag das funktionieren, aber neue Bars, welche einen geschützten Cocktail anbieten wollen, werden wohl noch andere hohe Ausgaben haben und ausserdem wollen sie ja nicht nur den einen Cocktail anbieten, sondern vielleicht zehn Geschützte, welche alle kosten.

Ein solcher “Schutz” ist absolut innovations-, wirtschafts und konsumentenfeindlich. Innovation beruht auch immer bis zu einem gewissen Grad auf dem kopieren und dem adaptieren von existierenden “Gütern”, selbst den Gin Basil Smash könnte man als Adaption ansehen.
Der Konsument wird leiden, weil es den Bars aus finanziellen Gründen nicht möglich ist, ein breites Angebot an geschützten Cocktails anzubieten und irgendwann ist es der Konsument auch Leid nur ein beschränktes Angebot dargeboten zu bekommen und besucht die betroffene Bar nicht wieder mit dem Ergebnis, dass diese schliessen muss.
Der Urheber, in diesem Falle ein Bartender profitiert nicht im gleichen Masse wie ein Musiker von einem Urheberrecht. Während der Musiker nämlich durch das Internet und Tourneen in kürzester Zeit weltweit operiert, bleibt eine Bar ein relativ lokales Geschäft. Eine Bar in New York wird keinen Cent weniger Umsatz erwirtschaften, wenn eine Bar in Zürich einen Cocktail der New Yorker Bar übernimmt. Natürlich gibt es auch in New York Bars, welche diesen Drink übernehmen können. Doch ich bezweifle ernsthaft, dass dadurch Umsatzeinbussen hingenommen werden müssen. Ich denke der Konsument möchte doch gerade die Geburtstätte eines Cocktails besuchen, natürlich in der Hoffnung das da der Drink am besten schmeckt. Sollte dies nicht der Fall und der Gast enttäuscht sein, hilft auch kein Urheberrecht.
Eine unentgeltliche Verbreitung eines Cocktails kommt dem Urheber doch zugute. Er und seine Bar werden bekannter, der Cocktails wird unweigerlich mit der Bar in Verbindung gebracht (siehe Gin Basil Smash)

Vielleicht sind einige immer noch nicht überzeugt, dass ein Urheberrecht mehr schadet als nützt. Stellt euch folgendes vor: Das Urheberrecht auf Rezept wurde bereits Anfangs 20. Jahrhundert installiert. Der Schutz auf ein urheberrechtlich geschütztes Gut erlischt erst 70 Jahre nach dem Tod des Rechteinhabers bzw. des letzten Miturhebers. Ich glaube wir können uns alle vorstellen, was für Auswirkungen dies auf die im Moment florierende Barkultur gehabt hätte. Sie wäre ganz bestimmt nicht so weit wie heute und es gäbe weitaus weniger interessante, hochstehende Bars wie es sie im Moment gibt.

Selbst Bartender sollten aus Eigeninteresse diese Idee von geschützten Cocktails, welcher ich äusserst geringe Erfolgschancen zugestehe, nicht unterstützen und vielmehr darauf pochen und achten, dass Urheber genügend gewürdigt werden.

Quellen:

  1. techdirt.com
  2. theantlantic.com
  3. Bild: ReeseCLoyd auf flickr
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7 Responses to “Warum ein Copyright auf Cocktails sinnlos ist”


  1. Thomas Bachmann
    on Sep 21st, 2010
    @ 8:13 pm

    Danke! Ich stimme voll und ganz zu.
    Ich habe auch noch ein weiteres Argument: ich könnte einfach alle mathematischen Kombinationen von Zutaten (viele hunderttausend) aufschreiben, sie zufällig benennen und bin dann der Urheber all dieser Rezepte. Ich muss die Cocktails ja nichtmal testen, sondern einfach nur veröffentlichen. Damit könnte ich dann fast jeden neu entwickelten Cocktail für mich beanspruchen und Profit daraus schlagen (Lizenzen). Da würde es dann sicher auch eine Abmahnwelle gegen Barkeeper geben.
    Gruß,
    Thomas


  2. Andreas Bertschi
    on Sep 22nd, 2010
    @ 3:20 pm

    Ola Hääb. Ich bi dä Aasicht das din Artikel nöd korrekt isch, was s’rächtliche aabelangt. Die erwähnti Kochmeister-Quälle isch nöd zueträffend. Ich wirde es chlises Artikeli schriiibe, mit Quälle, aber gib mer no e Wuche Ziit (Chicago Ziit).

    Di vorhergehendi Antwort, zum alli math. Kombinatione z’schütze lah, isch falsch. So Sache lönd sich nöd schütze, will di geischtigi Eigeleischtig fählt (au wänn mer e Software entworfe/gschribe hät, wo das erzüügt) –> es isch kei Kunscht, sich vome Compi öppis usz’rächne lah bzw. alli mögliche Kombinatione als geischtigi Schöpfig erachtet. Di statistischi Einmaligkeit, es grundsätzlichs Merkmal für dä Urheberrächtsschutz, fählt. Dazu entscheidend:BGer 134 III 166.


  3. Michael
    on Sep 22nd, 2010
    @ 10:12 pm

    Danke für die Comments

    Die kochmeister-Quelle war eine von Mehreren. Guck dir z.b. auch den techdirt Link an. Das Rezept, als pure Auflistung von Zutaten ist nicht urheberrechtlich geschützt. Die Form, z.b. Bilder, Text etc. sind hingegen geschützt.


  4. Andreas Bertschi
    on Okt 2nd, 2010
    @ 2:53 pm

    Einige Anmerkungen zu deinem Beitrag (Intellectual Property ist mein Schwerpunktgebiet, in Chicago habe ich nichts anderes gemacht und werde nach dem Studiumsabschluss im nächsten Januar in diesem Bereich arbeiten):
    Ein Cocktail lässt sich sehr wohl mittels Copyright schützen, der Schutzumfang beschränkt sich aber nur auf den Drink, d.h. das Produkt als solches und nicht die Auflistung der Zutaten. Geschützt wird die neue, geistige Schöpfung, in diesem Falle das Kombinieren/Verfeinern von Zutaten zu einem schlussendlich fertigen Produkt (zumindest in den Augen des Schöpfers). Als Vergleich kannst ein berühtems Bild herangezogen werden: Geschützt ist auch hier das Endprodukt, nämlich das Bild und nicht “das Rezept” des Bildes (“Male den Himmel blau, male die Wiese grün, male dort blabla”).
    Den Verweis auf die Nicht-Schützbarkeit der Rezepte ist insofern korrekt, dass niemand sich in den heutigen Tagen ein Rezept auf z.B. Teigwaren (kochendes Wasser, Salz, Teigwaren) schützen lassen kann. Wer jedoch ein einzigartiges Rezept erdacht hat, immer unter dem Vorbehalt, das ein Richter dem Rezept einen individuellen Charakter zubilligt, kann es sich schützen lassen. Nicht die Auflistung der Zutanten (3cl Putzmittel xy, 1cl Zitronensaft, 3cl Weinessig) sondern die entstandene Mixtur mit ihrem spezifischen Geschmack, Farbe, Dichte, Trinkbarkeit. Analog zu einem Drink kann man ein Parfüm betrachten (welche auch urheberrechtlich geschützt sind), nur das man am Parfüm riecht und es nicht trinken sollte.

    Die Problematik liegt aber eigentlich nicht im Urheberrecht sondern im Beweisrecht. Du hast im Artikel erwähnt, dass man nur schon aus Anstand den Urheber nenne sollte. Dem stimme ich natürlich zu, aber wie eruiert man den Urheber? Nehmen wir das Beispiel Mai Tai: Wurde angeblich von Trader Vic erdacht im Raffles Hotel in Singapur. Soweit ich weiss wurden die Originalaufzeichungen teilweise zerstört bzw. es existiert nur eine Nachbildung davon. Auch wenn die Originalaufzeichnung noch vorhanden wäre und man deren Datum exakt bestimmen könnte, z.B. 01.01.1900, wem steht das Urheberrecht zu wenn in alten Aufzeichnungen von beispielsweise 1850 ein Rezept gefunden wird welches in Sachen Geschmack, Konsistenz, Farbe usw. identisch ist? Das Rezept hat zwar keinen Namen, aber der Cocktail ist derselbe. Wen soll ich nun auf meiner Barkarte als Urheber nennen? Deshalb ist es für Copyright-geschütztes Material sehr wichtig, dass bei der Herstellung ein “Labor-Journal” geführt wird, wo Notizen, Fehlversuche, usw. verzeichnet sind um den genauen Zeitpunkt der Erstellung zu beweisen.
    Dabei sei angemerkt, dass ein Copyright automatisch entsteht, auch ohne Dokumentation oder Registrierung. Jedoch hat man im Streitfall einen schweren Stand, wenn man keine Beweise dazu hat.

    Ein effektiver Schutz für ein Drink kann mittels sog. “Trade Secret” erreicht werden. In den USA bestehen Gesetzte dazu, in der Schweiz kann man den Schutz vertraglich erreichen. Der Bartender behält seine Kreation für sich und gibt das Rezept nur unter Auflagen heraus: es sind Royalties/Lizenzgebühren zu entrichten und der Lizenznehmer verpflichtet sich das Rezept weiterhin geheim zuhalten. Für den Fall, dass er das Rezept verrät wird er schadenersatzpflichtig aus Vertrag bzw. muss ein im Vertrag abgemachter Betrag bezahlen (Konventionalstrafe). Dafür sind weder neue Gesetzte noch irgendwelche Instanzen nötig.
    Wohlgemerkt, wirklich sicher sein kann man nur wenn der Drink nicht angeboten/veröffentlicht wird, da ein versierter Bartender ein Cocktail anhand von Geschmack nachmachen kann. Er macht sich dadurch aber nicht strafbar, da er weder das Rezept gestohlen hat noch der Lizenznehmer es ihm verraten hat.

    Als Kurzfazit kann gesagt werden, dass sich eine Zutatenauflistung nicht schützen lässt, das Produkt davon jedoch schon wenn es einen indiviellen Charakter hat. Jedoch ist es bei Cocktails praktisch unmöglich sich sicher zu sein, ob man auch wirklich der Urheber ist, da Bartender bekannt sind fürs ausprobieren und unter Umständen der erdachte Cocktail schon längst existiert, es dem Erfinder einfach nicht bewusst ist. Deshalb ist es für ein Bartender sinnvoller seine Kreation an andere Bartender zu lizenzieren, dafür Gebühren zu verlangen und eine Geheimhaltungsklauser in den Lizenzvertrag aufzunehmen.

    Hinweis: In Europa/CH sind Patente ausschliesslich für technische Lösungen erhältlich. Ein Patent auf ein Cocktail scheidet vom vornherein aus.


  5. Michael
    on Nov 9th, 2010
    @ 2:11 pm

    Danke für den sehr interessanten Kommentar


  6. Tim
    on Nov 30th, 2011
    @ 1:16 pm

    @Thomas: Volle Zustimmung.


  7. Barchef Austria
    on Jan 3rd, 2012
    @ 4:40 am

    An Andreas Bertschi

    Mai Tai ist ein sehr starker, klassischer Rum-Cocktail und gehört zu den weltweit erfolgreichsten Drinks. Er wurde 1944 in San Francisco von Victor Bergeron (besser bekannt als Trader Vic) erfunden.
    Die Bar des The Royal Hawaiian Hotel beansprucht den Mai Tai angeblich in den 1920er Jahren als erstes zubereitet zu haben.

    Singapore Sling ist ein klassischer Cocktail aus Gin, Cherry-Brandy (einem Kirschlikör) und weiteren Zutaten. Er wurde gegen 1915 in der Long Bar des Raffles Hotels in Singapur von deren Barkeeper Ngiam Tong Boon erfunden. Da er Angestellter war, gehört das Original-Rezept dem Hotel ?

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