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Rezension: Widderbar, Zürich

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Die Widderbar hat eine neue Karte. Das heisst, so neu ist sie nicht, jedenfalls besteht sie seit August 2011.

Es hat sich einiges geändert. Die Karte präsentiert sich modern, ohne den Spagat zu den Klassikern zu verlieren. So findet sich beispielsweise neben dem Dark&Stormy auch der Gin Basil Smash. Ganz dem Zeitgeschmack entsprechend hält sie auch eine eigene Rubrik für klassische und Vintage Drinks bereit. Ganz besonders stechen allerdings die Eigenkreationen hervor, die sich neben den mächtigen Klassikern nicht verstecken müssen.

Während ich mich für den „Blood&Sand“ entscheide, wählt meine Begleitung die Eigenkreation „La Sirena“. Ein Cocktail mit Vanille-flavoured Rum, Limettensaft, Zuckersirup und -was aufhorchen lässt- Feigen-Veilchen Marmelade. Die Bestellungen werden schnell abgearbeitet. Das Tempo in der Widder-Bar scheint auch sonst sehr zügig zu sein. Dies bezeugt auch der aufmerksame Service, der ständig neue Knabbereien serviert. Die Vanille macht sich exquisit im Cocktail, ohne aufdringlich zu wirken. Die Marmelade mögen wir nur ganz dezent herauszuschmecken, für mich hätte es hier mehr sein dürfen. Ein gelungener, harmonischer Cocktail, dessen Potential das Team von Markus Blattner sehr gut aufgeschlossen hat. Diese Eigenkreation vermag uns zu begeistern und auch der Blood&Sand mit Famous Grouse, frischem Orangensaft, Cherry Heering und Carpano Antica Formula schmeckt uns.

Wir haben Hunger und bestellen den Fjordlachs und die Avocadocrème. Der Lachs ist nicht zu kalt und die dazu gereichte Meerretich-Mousse passt mit ihrem scharfen Kontrast köstlich zum Fisch. Dazu werden warme Toastscheiben gereicht, die allerdings etwas trocken sind. Frisch und vollmundig isst sich hingegen die grosszügige Portion Avocadocrème. Die bald leere Schale mit Nachos wechselt der Service unaufgefordert gegen eine neue aus.

Die Widderbar ist ein Ort, wo man sich gerne aufhält. Die dezente Live-Musik und gedämpfte Beleuchtung lassen eine Atmosphäre aufkommen, die für klassische Bars typisch ist. Da die Bar zum Hotel gehört, erstaunt es nicht, dass sich dort Gäste aus aller Welt einfinden; Am Nebentisch spricht man Tschechisch und weiter vorne unterhält sich ein amerikanisches Paar. Die Widderbar bietet hohe Qualität, und gehört deswegen wohl mit zu den besten Bars in Zürich. Die Preise sind selbst für dortige Verhältnisse gut platziert, was aber dank des hervorragenden Services nicht weiter auffällt. Wir kommen wieder!

Widderbar

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Kleiderordnung in der Bar

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Die Bar verfügt über einen grossen Vorteil. Sie ist, als Schmelztiegel aller Weltgeschmäcker und Zeiten, für jeden gleichsam offen. Man könnte sogar so weit gehen und behaupten, dass die klassische Bar die einzige Freiheit dieser Zeit bietet. Zumindest bezogen auf die Kleiderordnung mag das stimmen.

Sie bietet überdies allen eine Bühne und eine Heimat. Der im Smoking gekleidete Mittdreissiger, der um halb zwölf am Tresen selbstversunken den dritten Sazerac trinkt ist kein ungewöhnliches (wenn auch ein starkes) Bild. Ebenso “normal” können zwei schrill gekleidete Jungmädchen, ein ganz auf Casual gehendes Liebespaar oder auch ein einfacher Anzug sein. Wo anders, als in der Bar, wäre dies auf kleinstem Raum möglich?

Oft drängt man sich selbst in eine gewollte Rolle und der aufgezwungene Rahmen kann vom ursprünglichen Sinn eines Anlasses ablenken. Überhaupt gibt man oft sehr viel auf die Etikette, hauptsache die Fassade stimmt. Kleider machen Leute!

Doch Kleidung bestimmt. Sie bestimmt, wie man gesehen wird und offenbart gleichzeitig, wie man sich selbst sieht. Sie gibt etwas preis, weist aber auch zurück und schafft Distanz. Sie kann Respekt bezeugen und sie kann verspotten.

Es gibt nicht wenige Personen, die ziehen nur das an, “in dem sie sich wohlfühlen” und meinen damit ganz bestimmte Kleidungsstücke. Dabei übersehen sie, dass es eben gerade nicht nur darauf ankommt, ob man sich in einem Kleidungsstück besonders wohlfühlt, sondern auch, wie diese Kleidung von anderen wahrgenommen wird. Kleidung hat viel mit Wissen um die Situationen und Respekt für das Gegenüber zu tun. Dadurch, dass ich mich dem Rahmen anpasse, signalisiere ich Zugehörigkeit und Verbundenheit. Steche ich aus der Masse heraus, ob gegen unten oder oben, grenze ich mich hingegen ab.

Gut gekleidet ist man jedenalls nicht, wenn sich auf der Strasse jeder zweite Kopf nach einem umdreht. Dies offenbart eher narzistische Züge und eine bestimme Sucht nach Aufmerksamkeit und Profilierung.

Gut gekleidet ist man dann, wenn die Kleidung dem entsprechenden Rahmen gerecht wird und nicht auf vulgäre Art aufdringlich wirkt, aber dennoch eine persönliche Note setzt. Dies muss keinesweigs mit einem steten Dressing-Down einhergehen, wie manche vielleicht fälschlicherweise vermuten.

Alan Flusser hat dies in seinem Buch “Dressing The Man” sehr schön dargestellt. Auf einem Bild ist der grosse Luciano Barbera zu sehen. Flusser kommentiert das Bild mit: “Luciano Barbera looking as if he were wearing nothing unusual” [Luciano Barbera sieht aus, als wenn er nichts Aussergewöhnliches tragen würde]:

Auf den ersten Blick scheint alles sehr harmonisch, weder besonders schrill noch spektakulär.

Die weiteren Blicke hingegen sind eine wahre Offenbarung: Der Anzug aus schwerer Wolle sitzt, und wie! Luciano Barbera kombiniert hier sogar vier Muster: breites Karo im Anzug (dessen Musterverlauf sich tadellos über die Ärmel erstreckt) , schmales in der Krawatte, ein gestreiftes Hemd und ein gemustertes Seidentuch. Seine Krawatte mit obligatem Dimpel ist aus Wolle, das Einstecktuch aus gemusteter farbiger Seide. Auch das Knopfloch hält eine Überraschung bereit und unter dem linken Ärmel blitzt leicht kokett eine Uhr hervor und verrät, dass sie über dem Hemd getragen wird. Dies alles wirkt nicht zwanghaft gewollt, sondern unerhört gekonnt.

Ich selbst bin der Meinung, dass man eine schöne klassische Bar in entsprechender Aufmachung besuchen sollte. Nicht zuletzt auch als Respektsbezeugung der Arbeit des Bartenders gegenüber.

Zitierte Literatur:
Alan FLUSSER, Dressing The Man: Mastering The Art Of Permanent Fashion, New York 2002, S. 77.

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