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  • Published: Nov 2nd, 2012
  • Category: Sonstiges
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Herbstwahl

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Die Herbststürme peitschen kalt und windig und verstossen uns von gewohnten Orten, die wir dann nur allzu gerne gegen einen warmen Platz an der Bar zu tauschen. Da angekommen, wollen wir eine Stunde lang oder zwei den Alltag vergessen. Nur-wie steigen wir ein?

Die erste Frage, wenn wir in unserer Bar angekommen sind, stellen wir uns selbst. Nach was sehne ich mich? Was fühle ich in diesem Moment? Anhand dieser Antwort ist erst einmal die Richtung klar, in die wir trinken wollen. Ein Drink soll unsere Emotionen bewegen und uns da abholen, wo wir gerade sind, um uns in eine neue Sphäre hinauf zu tragen. Er soll Erlebnis sein und uns bewegen. Weg vom oberflächlichen Trinken-hin zum bewussten Geniessen. Das ist der eigentliche Schlüssel in das Himmelreich der Drinks. Zum Raum wird dann die Zeit.

Die zweite Frage drängt uns nach aussen: Passt der Drink in das Ambiente? Wird er den äusseren Umständen gerecht? Frozen Daiquiri im Winter, Hot Buttered Rumim August? Konvention oder Individualismus? Meditation oder Unterhaltung?

Ein guter Bartender erspürt unsere Stimmung in dem Augenblick, wo wir zur Tür hereinkommen. Die Frage, was wir trinken wollen, erübrigt sich somit. Das ist aber nur dann möglich, wenn uns der Maestro kennt und um unsere Vorlieben weiss. Allein schon aus diesem Grund lohnt sich der regelmässige Besuch einer guten Bar: Jeder sollte auf seine Weise den eigenen Bartender haben.

Kennen wir uns noch nicht gut genug, so müssen wir in uns nach der Antwort forschen. Das geht nur so, dass wir uns über unsere Stimmung gewahr werden. Etwa so:

Stellen wir uns vor, wir hätten eine anstrengende Arbeitswochen hinter uns. Wir sind erschöpft, geistig zu keiner Anstrengung mehr fähig. Nur noch weg von alledem, einen Punkt hinter diese Woche setzten. Wir kämpfen uns schon eine unendliche Zeit durch den Regen hindurch, der sich uns schräg entgegenschlägt. Harsch kratzt der Wind an unserem Gesicht und unsere Hände umkrallen den Griff unseres Schirms, der uns in diesen Momenten als einziger Trost erscheint. Dunkelt ist es bereits, fast schwarz. Drohend fegen die schwarzen Wolken über uns hinweg und nur schemenhaft nehmen wir die Schritte der dunklen Umrisse um uns herum wahr. Lichter brechen sich am nassen Boden und erscheinen uns fremd und einsam. Bevor wir ankommen, fällt unser Blick auf das gegenüberliegende Haus, beleuchtet, mit offenen Fenstern. Eine Gardine bäumt sich gegen den Wind auf, um sofort verloren zurückzusinken. Nur kurz bemerken wir das gespenstische Treiben, denn wir sich endlich angekommen. Leicht hadernd drücken wir uns an die Türe, die sich unter unserem Druck weit öffnet. Es scheint, als würden wir einen Raum beschreiten, weit weg von allem Stürmischen.

Die Gläubigen lassen ihre Schuhe vor der Moschee, wir trennen uns von unseren Mänteln und Schirmen. In der Ecke erhaschen wir einen leisen Platz, das gedämpfte Licht umhüllt uns in einer beinah weihevollen Stimmung, leise Klänge und das Geräusch des Shakers beruhigen. Wir riechen das Leder, auf dem wir sitzen.

Wir sind angekommen…

Edward Hopper: Night Windows (1928) 

 

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